18.05.2020 | der 18.05.2005

am 18.05.2005 war ich mit meinem wahlbruder ricardo im „atlantic“ in der bergmannstraße zum frühstück verabredet. es war ein sonniger, warmer, ein richtig schöner frühlingstag! ich setzte mich an einen tisch draußen vorm café, ich weiß noch heute die exakte position, mit blick die straße hinunter in richtung markthalle. von dort würde er gleich kommen. ricardo wohnte in einem haus der „ZiK“ in der riemannstraße, einem der „bunten häuser“.
die morgendliche szenerie der hauptstraße des viertels ist als ein inneres foto abgespeichert. irgendwas war anders. vielleicht, weil es der strahlende premierentag dieses sommers war.
“mein” brasilianer, der seine einbürgerung vorbereitete, war in vielen dingen deutscher als deutsch, vor allem, was verabedungen anbelangte: wenn er sich nur 3 minuten verspätete, rief er an oder schickte eine sms: “komme gleich, sorry!”
ricardo kam nicht.
und so rief ich ihn schon gut 10 minuten nach der verabredeten uhrzeit an. er ging nicht ran, ich sprach ihm aufs band: “mein lieber, hast du unser frühstück vergessen?”. eigentlich war das völlig undenkbar, merkte ich, als ich meine frage aussprach.
ich aß allein ein rührei mit krabben und ging dann etwas ratlos und irritiert ins büro in der gneisenaustraße in höhe der zossener, vorsichtshalber auf dem weg, den er zum „atlantic“ genommen hätte. ich arbeitete zu dieser zeit in der schauspieleragentur meines ex-manns bernhard. von dort aus rief ich ricardo wieder und wieder erfolglos an. ich wurde zunehmend unruhig und fragte bei gayromeo einen gemeinsamen freund, ob er von irgendetwas besonderem wisse: “nö. aber komisch, hast recht.”
irgendwann im laufe des nachmittags hielt ich es nicht mehr aus, ich entschuldigte mich im büro und ging zu meiner wohnung in der yorckstraße kurz vor den eisenbahnbrücken, um ricardos wohnungsschlüssel zu holen. den hatte er mir bei unserer letzten verabredung gegeben, als dauerhafte „einrichtung“, zum blumengießen, wenn er verreist war, oder “für notfälle”. kein großes ding. „aber putz bitte nicht wieder meine fenster!“ ok, versprochen.
etwas war nicht in ordnung, das spürte ich langsam. mein schritt wurde schneller und schneller. dennoch sah ich auf dem weg von meiner zu seiner wohnung in der hagelberger straße auf dem fußweg eine münze mit einem loch in der mitte liegen, eine “weiterspielmarke”, wohl für einen spielautomaten. eigentlich nichts großartiges, aber ich steckte sie hastig ein. damals sammelte ich noch kein material für assemblagen. vielleicht fing meine sammelei damit an. auch hier weiß ich noch den genauen fundort.
an ricardos wohnungstür angekommen – zuletzt war ich gerannt – klingelte ich wieder und wieder. „ricardo?“ nichts. ich hatte große hemmungen, den schlüssel in meiner hand zu benutzen. war das jetzt ein notfall? vielleicht war ja auch nur ein sex-date ausgeufert, irgendwie sowas. dann wird es gleich ziemlich peinlich für alle anwensenden.
schließlich stand ich im flur seiner wohnung. “ricardo?” alle zimmertüren waren geschlossen. “ricardo?” eine nach der anderen öffnete ich vorsichtig und langsam, im uhrzeigersinn: küche, wohn- und arbeitszimmer, bad. alles war sehr ordentlich und wirkte frisch geputzt. auf seinem schreibtisch stand ein frischer strauß seiner lieblingsblumen: weiße lilien.
blieb nur noch das schlafzimmer. scheiße!
meine hand liegt auf der klinke. “ricardo?” ich zögerte einen ewigen moment. gleich. gleich weißt du’s. weißt du was? neben mir im rechten winkel hängt ein spiegel, ich seh mich selbst aus dem augenwinkel, wie ich da stehe. ich drücke die türklinke hinunter, ganz langsam, spüre jeden millimeter der bewegung, und öffne schließlich die schlafzimmertür.
ricardo liegt nackt im bett, auf dem rücken. seine arme sind seltsam angewinkelt, die ellenbogen zeigen nach oben, als würde er keine luft bekommen, seine brust ist gewölbt. die bettdecke war vom oberkörper gerutscht. seine haut war grau, einfach nur grau. „ricardo?“ er antwortet nicht. ich denke: „du musst da jetzt reingehen und ihn anfassen! das bild kann täuschen! du irrst dich vielleicht! du musst ihn anfassen, dann weißt du ‘es’! geh da jetzt rein und fass ihn an!“
mit aller kraft versuche ich, durch den türrahmen zu treten. es geht nicht. innerlich nehme ich anlauf um anlauf, wieder und wieder. als wäre da eine wand aus glas, wie so ein energiefeld in SF-filmen, pralle ich ab. „verdammt, geh da jetzt rein und fass ihn an!“
ich schaffe es nicht. ich kann einfach nicht in sein schlafzimmer eindringen. ich hätte auch gar nicht den mut, ihn anzufassen, das weiß ich. dann fließt womöglich diese kälte in meinen körper, die ich nie wieder loswerde… ich hatte da schon einen toten liebhaber geküsst zum abschied.
aber das ist doch ricardo! „du weißt nichts, solange du ihn nicht angefasst hast!“ in diesem moment habe ich das gefühl, unserer verbindung, unserer freundschaft, unserer nähe nicht gerecht zu werden. „scheiße, scheiße, scheiße!!!“
ich rufe bernhard im büro an, meine verhasste kollegin verbindet mich widerwillig. bernhard hat ein abgeschlossenes medizinstudium inklusive praktischem jahr, kurz: er ist arzt. ihn braucht es jetzt! „bernhard, ich bin bei ricardo. bitte komm her! vielleicht ist er… ist er… tot? ich weiß es nicht! bitte komm! komm schnell!“
was habe ich da gerade gesagt? „ok, ok, ich komme gleich!“
dann stehe ich da im flur, an die wand mit dem spiegel gelehnt. ich muss jetzt warten, bis bernhard kommt.
ein seltsames gefühl steigt in mir auf. ist es… angst? vor etwas, dem ich zuvor und so noch nie begegnet bin? egal, ich brauche jetzt sofort eine verbindung zur welt da draußen! ich öffne die wohnungstür. da ist etwas oder jemand ist, das oder der raus will aus dieser wohnung. ja, genau so ist das! “hier, die tür ist offen! jetzt kannst du raus!” es geht an mir vorbei hinaus.
und jetzt? warten.
ich kann nicht nur warten! ich muss irgendwas tun! ich schreibe meinem ex-freund björn eine sms: „ich möchte das haareschneiden absagen. sorry, melde mich später nochmal.“ was tue ich hier? egal, wahrscheinlich will ich heute abend björn nicht die haare schneiden. „ok“ schreibt er prompt zurück.
endlich kommt bernhard das treppenhaus hochgerannt und steht auch schon an ricardos bett. ich bleibe weiterhin im türrahmen stehen. er zögert einen moment, als würde auch ihn, sogar ihn! etwas zurückhalten. dann fasst er ihn an. er versucht ihm fachmännisch den puls zu fühlen, am hals. hat der graue ricardo mit seinen aufgerissenen augen einen puls?
21, 22. 23.
bernhard sieht mich entsetzt an: „du hast recht, er ist tot!“
ich falle rücklings an die wand mit dem spiegel und rutsche an ihr herunter. ich sehe das alles – im grunde schon seit heute früh vorm „atlantic“ – wie von außen, wie einen film.
später sage ich, dass mir in diesem moment alle meine sicherungen durchgebrannt sind. ich konnte diese durchgeschmorten sicherungen bis heute nicht austauschen. sie sind im verschmolzen mit allem anderen. überbrückt habe ich sie.

ricardo war mutmaßlich am frühen morgen des 17.05. an einem herzinfakt aus dem schlaf heraus gestorben.

bei unserer letzten begegnung in seiner wohnung hatte er mit mir scheinbar ohne naheliegenden anlass über seinen tod gesprochen. wir hatten oft sehr tiefe gespräche. „ich will nicht verbrannt werden! in deutschland sind schon viel zu viele verbrannt worden!“ ich wusste genau, was er meint. wir wollten uns demnächst gemeinsam das fertig gestellte holocaust-mahnmal am tiergarten ansehen. wir standen beide diesem mahnmal einigermaßen kritisch gegenüber.
bis zu seiner beerdigung trug ich die weiterspielmarke in meiner hosentasche immer bei mir. ok, weiterspielen. als ich mit meiner rede zu seiner trauerfeier grandios scheiterte, wie es anders wohl nicht hat sein können, zeigte ich sie, am rednerpult stehend, der trauergemeinde, und erzählte, auf welchem weg ich sie fand. mir blieb immer wieder die stimme weg.

die geschichte dieses tages habe ich immer mal wieder erzählt, aber bislang noch nicht aufgeschrieben. das habe ich also jetzt getan, 15 jahre danach.
vergangenen samstag, den 16.05.2020 habe ich mir die münze auf den hals tätowieren lassen. ich hatte dazu immer wieder die worte „solange ich lebe“ im kopf. beim stechen dachte ich die ganze zeit unvermeidlich an diesen tag. ricardo war auch mein ‘tattoo mate’.
dieser text entstand in der nacht vom 16. auf den 17.05.2020.
den nachmittag und abend des 17.05. habe ich bis ins morgenblau mit ricardos damaligem liebhaber matthias verbracht, inzwischen einem meiner engsten freunde. wir trafen uns vor ricardos haus, gingen dann rüber zu seinem grab auf dem friedhof an der bergmannstraße. anschließend spazierten wir zu ihm, an meiner damaligen wohnung vorbei nach schöneberg. matthias hat für uns beide gekocht, wir haben miteinander gegessen, wein getrunken und über viele dinge gesprochen.
heute am 18.05. habe ich 3 fotos, die gestern an ricardos grab entstanden, zu einem bild zusammengefügt.
meine trauer ist schon lange nicht mehr düster und schwer! sie ist ein teil von mir und teil meines lebens. so wie dieser “film” des 18.05.2005, den ich in mir trage.
der tod ist ein teil des lebens. und er kann jederzeit kommen, vielleicht sogar schon heute oder morgen. oder erst später.
aber bis dahin spiele ich weiter, ricardo, versprochen!
ich habe nur bis heute ein problem damit, wenn ein freund oder eine freundin nicht wie erwartet zu erreichen ist.

zu den bildern:
links die weiterspielmarke auf meinem hals,
in der mitte das aufgefrischte grab, in eine der vasen haben wir ihm einen ordentlichen schluck sekt gegossen
rechts meine gerade vollendete, noch nicht abgeheilte „herzhand“, die, die berührt, auf ricardos grabplatte aus gummi

den in einem hellrosa-grünem scherbenmosaik und messingrahmen eingefassten spiegel aus ricardos flur habe ich geerbt. er hängt in meiner wohnung. ich sehe immer mal wieder einen ganz bewussten moment in ihn hinein und aus ihm heraus.

#backgroundstory

maurus knowles18.05.2020 | der 18.05.2005